Ein Bericht von Silvia Kessler

Ein Flyer in den Thusner Briefkästen warf zu Beginn des Jahres erst mal Fragen auf: «Brocki Thusis Kulturlokal – ab dr zwaita Januarwucha simmer wieder uma», war darauf zu lesen. Aber die Blaukreuzbrocki war doch eben erst – Mitte Dezember – in den eigens erstellten Neubau in Cazis umgezogen. Was steckt also dahinter, dass es an der Werkallee 1 in Thusis trotzdem fast nahtlos weitergeht? Die Antwort darauf ist bei Barbara Gagliotta und Gregory Caduff zu finden.
Anstrengungen, die sich lohnen
Die beiden Sozialpädagogen haben in den vergangenen rund fünf Jahren die praktische Ausbildung (PrA) in der Brocki Thusis aufgebaut. PrA ist ein niederschwelliges Berufsbildungsangebot von zwei Jahren. Es steht in erster Linie jungen Menschen mit Lernschwierigkeiten offen, die (noch) keinen Zugang zu einem anerkannten Berufsabschluss haben. Im vergangenen Sommer und nur zwei Monate vor Beginn des neuen Lehrjahrs beschloss das Blaue Kreuz Graubünden, die Ausbildung nicht mehr anzubieten. «Drei Lehrlinge hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine Zusage für den Lehrbeginn im August erhalten», blickt Gagliotta zurück. Ein Lernender habe sich zudem noch im Ausbildungsprozess befunden, ein weiterer in einem Wohncoaching. Die Betreffenden ohne Alternative einfach hängenlassen, das wollten sie und Caduff nicht. Der Entscheid des Blauen Kreuzes erwies sich jedoch als unumstösslich. Kurzerhand klärten die beiden Sozialpädagogen die Machbarkeit einer Verselbstständigung ab. Sie wandten sich an die zuweisenden Behörden und erhielten die Zusage für eine weitere Zusammenarbeit. Auch der Vermieter des Gebäudes an der Werkallee unterstützte ihr Vorhaben, sodass nun, kaum war die Blaukreuzbrocki ausgezogen, das zweite Leben der Brocki Thusis beginnen konnte.
«Wir hätten es uns einfacher machen können», hält Caduff fest. «Als Sozialpädagogen hätten Barbara und ich schnell eine neue und auch besser bezahlte Stelle finden können.» Ganz anders hätte das für die jungen Menschen ausgesehen, die kurz vor dem Lehrbeginn standen respektive noch in der Wohnbegleitungsphase waren.
«Die Lernenden, die wir ausbilden, haben meist schon vieles probiert, sind durch die Maschen gefallen und haben Enttäuschungen erlebt.» Klar, dass die Ausbildungen vor diesem Hintergrund zuweilen harzig verlaufen könnten und mit einem grossen Aufwand verbunden seien, so Caduff weiter. Auftrieb gäben die Erfolgserlebnisse, die aus der Brocki-Thusis-Ära hervorgegangen seien: Ein erster PrA-Absolvent habe inzwischen den Berufsabschluss Betriebsunterhalt EBA geschafft. Ein weiterer stehe vor der Lehrabschlussprüfung und vor der Aushebung fürs Militär. Ein dritter PrA-Lernender haben erfolgreich in ein Arbeitstraining vermittelt werden können. Das seien riesengrosse Erfolge für die Betreffenden, «doch auch aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht ist das Erreichte von unschätzbarem Wert», betont der Sozialpädagoge.
So geht es nun in der Brocki Thusis weiter mit der von Caduff und Gagliotta gegründeten Sokuna GmbH. Sokuna steht für «Sozial – kulturell – nachhaltig». Zwei Lehrlinge – einer hatte es sich anders überlegt – traten ihre PrA-Ausbildung im August des vergangenen Jahres an. Zur Überbrückung für die praktische Ausbildung sprang Raniero Pangaro ein, der an der Neudorfstrasse die Brockenstube Movimento betreibt. «Wir sind extrem froh um diesen sozialen Partner, der intuitiv weiss, worum es geht», sagt Caduff. Die Zusammenarbeit werde weitergeführt. Denn die Nachfrage nach PrA-Ausbildungsplätzen sei im Domleschg mit seinen vielen sozialen Institutionen durchaus vorhanden. So seien er und Gagliotta auch aktuell mit einem weiteren Auszubildenden im Gespräch. Hinzu kämen dann und wann Interessierte für Schnuppertage.
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